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Indien: unfassbar groß – unfassbar vielfältig

26.02.2010

Michaela Göken macht Diakonisches Jahr

Garrel/Indien – Seit einem halben Jahr ist Michaela Göken aus Garrel in Indien unterwegs, um als Praktikantin für die Menschenrechtsorganisation People’s Watch zu arbeiten...

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Garrel/Indien – Seit einem halben Jahr ist Michaela Göken aus Garrel in Indien unterwegs, um als Praktikantin für die Menschenrechtsorganisation People’s Watch zu arbeiten. Erfahren hat sie vom „Diakonischen Jahr im Ausland (DJiA)“ (siehe auch „Hintergund“)aus der Münsterländischen Tageszeitung und für die Leser hat sie ihre Eindrücke zusammengefasst:

„Immer wieder, wenn mir ein Tempelelefant beim Einkaufen begegnet oder mir ein Kamel auf dem Weg zur Arbeit auf der Straße entgegenläuft, denke ich, dass der Spruch ,Incredible India’ stimmt. Indien ist unfassbar. Unfassbar groß. Unfassbar vielfältig.

Immer wieder musste ich hier mein eigenes Weltbild überdenken. Was Lebensqualität, Ziele und Prioritäten betrifft. Fand man es zu Hause noch normal, dass man ein eigenes Zimmer und ein Bad in seinem eigenen Haus hat, freut man sich hier, wenn man eine westliche Toilette hat und ein Hotelzimmer in dem die Bettlaken ausgewechselt werden. Hat man doch den falschen Platz zum Schlafen gewählt, kommt es auch schon mal vor, dass einem beim Schlafen eine Ratte ins Bett fällt. Aber schlimm ist das auch nicht, eher gewöhnungsbedürftig.

Zu Hause heißt es ,Zeit ist Geld’. Hier ist Zeit flexibel und kehrt laut Indern immer wieder. Von einer nie enden wollenden Stunde bis zu einem Tag der im Fluge vergeht, gibt es alles. Und zu spät ist man eh nie - nicht als Deutscher.

Jeden Tag gibt es etwas Neues zu sehen, zu erleben und vor allem zu lernen. Die Organisation, in der ich Arbeite, die Menschenrechtsorganisation People’s Watch, legt viel Wert darauf, dass ich begreife, was vor sich geht in Indien und in der Welt. Wir wollen aber auch noch anderes sehen und Indien nicht nur von der schlimmen, erschütternden Seite kennen lernen, bei der man erfährt, dass Polizeifolter und –mord an der Tagesordnung ist, dass Frauen vergewaltigt, und Kinder missbraucht werden; und dass es für all das kein akzeptables Rechtssystem gibt, das die Verantwortlichen bestraft, sondern in einigen Regionen vielmehr durch Gesetze, die all das legitimieren, unterstützt.

Hier begreife ich mich zum ers­ten Mal als „privilegierte Weiße“, der es besser geht, als dem Großteil aller Menschen auf dieser Welt. Eine Erfahrung, die man innerhalb Europas wohl nur an wenigen Orten machen kann. Die Menschen hier sind arm. Auch wenn man das manchmal vergisst, wenn man an Touristenorten ist und sich mit dem Luxus einer Pizza verwöhnt.

Da wir durch unsere Organisation jede Woche in unterschiedliche andere NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) fahren, bekommen wir aber auch die andere Seite mit. Und wenn man dann mit fünf Leuten in ein Dorf kommt und es auch nur ebenso viele Stühle im Dorf gibt, kommt man ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn man dann noch über desolate Hygienebedingungen und Rattenplagen redet, die nachts über die Schlafenden laufen, dann macht man sich auch so schnell keine Illusionen mehr vom hoch gelobten ,reichen, technisierten Indien’, das man in Städten wie Mumbai findet. Dass das Leben der Inder hauptsächlich in armen Dörfern stattfindet, wird ignoriert.

„Ten Sons“ (10 Söhne, also Glück) ist zwar nur ein Sprichwort, aber gleichzeitig Ausdruck einer starken Herabsetzung von Frauen, die es hier gibt. Inderinnen setzen sich nicht freiwillig neben einen, ihnen unbekannten Mann. Lieber bleiben sie die zwei Stunden Busfahrt stehen. Waden zeigen ist unangebracht und ein zu tief sitzender Sari skandalös.

Und wenn der Mann entscheidet, dass die Frau nach der Heirat nicht mehr arbeiten darf, obwohl sie studierte Anwältin ist, dann wird sich dem gebeugt. Frauen sind hier nichts wert, sie sind eher noch ein Klotz am Bein. Wenn eine Familie hier ihre Tochter verheiraten will (Liebesheirat ist hier selten), muss sie häufig Land oder Haus verkaufen, um der Familie des Mannes eine Mitgift zu stellen.

Trotzdem kann es sein, dass der Mann die Frau nach Hause schickt und nach mehr verlangt oder sie gar nach der Geburt eines Mädchens gar nicht mehr annehmen will, denn so kann er neu heiraten und bekommt eine neue Mitgift.

Dieser gesellschaftliche Druck, der sagt ,Du bist nichts wert, wenn du nicht einen Sohn zur Welt bringst’, ist auch der Grund warum Frauen ihre Töchter umbringen. Nur Jungen zählen. Jungen dürfen mit Freunden spielen, Geld ausgeben, zur Schule gehen.

Ich habe direkte Auswirkungen vom Klimawandel erfahren, konnte durch Landschaften gehen, die ganz klar die Zeichen von Wassermangel tragen und mich mit Familien unterhalten, die ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken können, weil die Familie mit der Farmarbeit nicht mehr genug Geld verdient, um sich zu ernähren. Hier bringen sich hunderte von Bauern jedes Jahr um, weil sie ihre Familie nicht mehr versorgen können. Dass Klimawandel mit dem Bildungsstand und der Gesundheit der Menschen in direktem Zusammenhang steht, habe ich in der Theorie zwar gewusst, aber wirklich bewusst war ich mir dessen in Deutschland nicht immer.

Schon das halbe Jahr hier lässt mich bewusster leben und ist so voll gepackt mit Neuem, dass ich schon jetzt am Sammeln, Sortieren, Fotografieren und Einkleben bin, um möglichst viel davon in meinen Erinnerungen zu behalten. Trotzdem freue ich mich aber auch schon sehr, meinen Freund und meine Familie wiederzuhaben“.

Quelle: Münsterländische Tageszeitung


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